Konstantin Sergienko


Konstantin Sergienko

 

„... Mein ganzes Leben lang bin ich herumgezogen und war dabei stets auf der Suche. Nichts lag mir ferner, als fleißig zu sparen, Schweine zu kaufen und Kohl anzubauen. Denn das machten ja alle. Ich weiß nicht, wer mir das in den Kopf gesetzt hat, aber geheimnisvolle Dinge zogen mich an ... Es war, als ob ich in mir eine Sprungfeder hätte, die mich immerzu antrieb, die ausgetretenen Pfade zu meiden.“
Versuchen Sie gar nicht erst, diese Zeilen zu finden. Sie stammen nicht aus dem Buch, das Sie gerade gelesen haben, sondern aus einer anderen Erzählung des Autors. Eine metallische „Sprungfeder“ wäre für einen Papphelden wie unseren ja auch nicht wirklich ein passendes Bild. Aber darauf kommt es nicht an. Entscheidend ist vielmehr, dass das Porträt ansonsten sehr treffend ist. Als wäre hier nicht von einem jungen amerikanischen Burschen die Rede, der in einem der Bücher Konstantin Sergienkos (1940–96) „keinen Kohl anbauen“ will, sondern vom Schriftsteller selbst.

Denn er war es selbst, der zeitlebens jene essentiellen Dinge gesucht hat, die zweifelsfrei existieren, sich aber kaum einfangen und in Worte fassen lassen. Er war es selbst, der auf den Spuren realer Ereignisse oder märchenhafter Phantasien durch Zeiten und Welten wanderte, um uns allen vor Augen zu führen, wie wunderbar es ist, eine lebendige Seele zu haben. Und der uns immer wieder gezeigt hat, wie schwierig es in unserer Welt ist, diese lebendige Seele nicht Schaden nehmen zu lassen. 

Er war ein Romantiker – einer der letzten unverstellten Romantiker unserer Kinderbuchliteratur. Einer von jenen, die sich nicht scheuen, von Sonnenuntergängen und großen Gefühlen zu schreiben. Einer von jenen, die ihre Geschichten in der ersten Person leben.
Am Anfang stand Kees, ein zwölfjähriger Junge, der sich 1574 in geheimer Mission aus dem belagerten Leyden (heute Leiden) nach Rotterdam durchschlagen muss, um im niederländischen Unabhängigkeitskrieg eine wichtige Botschaft zu überbringen. Und schon bei diesem ersten Buch zeigte sich, dass wahre Romantik niemandem in den Schoß fällt: Um die kurze Fahrt über die Straßen des mittelalterlichen Europa faktentreu erzählen zu können, las Konstantin Sergienko über 500 historische Bücher in verschiedenen Sprachen, bevor er seine Abenteuergeschichte niederschrieb. Die ersten Leser des „Kees“ sind längst selbst erwachsen. Aber der bekannte Schriftsteller Dmitry Bykov versichert, das Buch bis zum heutigen Tag praktisch auswendig zu kennen. Und der nicht minder berühmte Schriftsteller Alexander Ilitschewski merkt augenzwinkernd an, die Bilder Brueghels zunächst für gelungene Illustrationen der Geschichte von Kees gehalten zu haben.

 

Wenn man alle historischen Erzählungen Konstantin Sergienkos nacheinander liest, hat man den Eindruck, dass Verwandlung für ihn die natürliche Lebensform ist. Wenn er schreibt: „Ich wachte auf und schlug die Augen auf ...“, dann kann das zu jeder Zeit an jedem Ort sein. Mal wacht ein junger Historiker unserer Zeit, der nach langer Wanderung über alte Schlachtfelder erschöpft im dampfenden Heu eingenickt war, während des napoleonischen Russlandfeldzugs 1812 als Oberst Berestowyj auf und wird zum Helden der Schlacht von Borodino („Erwachen in Borodino“). Ein anderes Mal  findet man sich im Amerika der Bürgerkriegszeit wieder, wo ein obdachloser junger Bursche, der sich sein Nachtlager auf den ausladenden Ästen einer Eiche eingerichtet hatte, nach dem Erwachen mit zahlreichen Abenteuern konfrontiert wird und beim Duell zweier aufeinander losrasender Dampfloks eine echte Heldentat vollbringen muss.
Aber so sehr auch die Länder und Zeiten variieren, zwei Konstanten sind in jedem Buch Sergienkos zu finden: Wer immer der Held auch sein mag – jedes neue Ich ist unbedingt edel und positiv. Und die historischen Fakten stimmen bis ins Detail.  
Nicht immer muss Konstantin Sergienko uns dabei in ferne Länder und ferne Zeiten entführen. Zuweilen führt ihn die Suche nach edlen menschlichen Gefühlen auch zu einer stadtnahen Datscha („Tage im  Spätherbst“) oder in ein  Kinderheim („Das Haus auf dem Berg“), wo  Einsamkeit und fehlende Wärme den Traum vom Glück besonders nachdrücklich werden lassen. Es gab in der literarischen Biographie des Schriftstellers sogar eine Episode mit Detektivgeschichten, aber diese Proben einer anderen Feder hat der Autor unter dem Pseudonym Piter Martin veröffentlicht.

Schließlich brauchte es allerdings einen Hund – oder genauer gesagt ein ganzes Rudel –, um den Namen Konstantin Sergienko für einige Jahre in breiteren Kreisen bekannt zu machen. Die gleichnishafte Erzählung „Die Schlucht der freien Hunde“ beginnt so: „Der Sommer ist da. Die beste Zeit des Jahres! Im Winter ist das Leben einfach nur hart. Selbst wenn du auf der Straße was Essbares findest, ist es so durchgefroren, dass du dir daran die Zähne ausbeißt ...“

Da erzählt ein herrenloser Hund mit Spitznamen Stolzi von seinem Leben in einer Schlucht am Rande der Großstadt. Wie seine Freunde und er die Freiheit genießen und unter der Schutzlosigkeit leiden. Wie sie nachts von Frikadellen und der geheimnisvollen Hundepforte träumen, hinter der alle Träume wahr werden. Wie sie den Mond anheulen, um ihm ihre innigsten Wünsche anzuvertrauen. Wie sie schließlich alle in einem eisernen Käfig fortgeschafft werden und nur Stolzi selbst überlebt und seinen Menschen trifft.  
Die Geschichte traf damals den Nerv der Zeit. Offenbar konnten sich in den 1980er Jahren auch viele Leute, die ein Dach über dem Kopf hatten und sich regelmäßig satt essen konnten, gut vorstellen, wie es sich als herrenloser Hund lebt. Was die Kinder beim Lesen dieses Buches dachten, wissen wir nicht. Aber die Erwachsenen machten sich daran, es vielstimmig nachzuerzählen. Im ganzen Land inszenieren große und kleine Theater bis heute zahlreiche Dramatisierungen. Es entstanden Musicals, Zeichentrickfilme und sogar eine Zirkusvorstellung, in der das Schicksal der Hunde mit den Mitteln der Pantomime,  der Akrobatik und des Modern Dance dargestellt wird.
Inmitten dieses stürmischen Ruhms wäre die Geschichte vom kleinen Pappmann mit dem Kartonherz fast untergegangen. Kurioserweise erschien sogar die Erstausgabe als Paperback. Dabei hätte die Geschichte schon damals größte Aufmerksamkeit verdient. Denn zum ersten und – wie sich herausstellen sollte – auch einzigen Mal hatte Konstantin Sergienko ein waschechtes Märchen geschrieben. Hier musste er nicht mehr in fremde Länder und ferne Zeiten schweifen, um über Liebe, Edelmut und Selbstlosigkeit zu schreiben. Schließlich spielte die Handlung jenseits der Realität, wo sich der Blick ungestört auf das Wesentliche richten lässt. Die Dinge begannen zu sprechen, Zauberblumen erblühten und der Held konnte sich in einen Stern verwandeln.

Einige verwegene Köpfe im Internet nennen den Schriftsteller Sergienko einen wirklich Großen der Zunft. Wir wollen sie nicht daran hindern und schmunzeln.

Obschon ...
Tief in der Nacht vor der Dämmerung, wenn die Leser schlafen und die Schriftsteller über einer leeren Seite leiden, führen die von ihnen erfundenen Helden ihr eigenes Leben. Winnie Puuh und das Weiße Kaninchen stecken die Köpfe zusammen und tuscheln. D‘Artagnan lernt die Verse Lermontows auswendig und am Ufer eines nebelverhangenen Sees sitzen drei Freunde auf einem Holzklotz und unterhalten sich leise: der Tapfere Zinnsoldat, der Kleine Prinz und der Pappmann.
„Ich hatte meine eigene Rose“, sagt der Kleine Prinz, „aber ich wusste nicht, dass sie ein Herz werden kann.“
„Das kann aus allem entstehen“, sagt der Zinnsoldat, „man muss es nur in starkes Feuer werfen.“
Und der Pappmann schweigt. Er ist der Jüngste. Er ist erst vor  Kurzem gekommen. Aber er wurde in dieser Runde herzlich empfangen.