Viktor Pivovarov


Viktor Pivovarov


Wie viel leichter fällt es da, den Künstler Viktor Pivovarov einzuordnen, der die 1981 erschienene erste Taschen-buchausgabe des Pappmanns illustrierte. Pivovarov hat so viele wunderbare Illustrationen zu den Märchen Hans Christian Andersens gezeichnet, dass man seine Teilhabe am Schicksal des Pappmanns als großes Geschenk ansehen muss. Lange vor dem Erscheinen von Sergienkos Märchen hat Viktor Pivovarov in einem Interview einmal geäußert:
„Wie ein Kinderbuch sein soll, ist sehr einfach zu sagen: Erstens soll man in es eintauchen können. Und zweitens soll es da drinnen, wenn du eingetaucht bist, gut sein. Gut – das ist, wenn du einen interessanten Helden triffst, der vielleicht ein bisschen seltsam und schrullig, aber dir selbst ähnlich ist... Gut – das ist, wenn das Gute stärker ist als das Böse, wenn das ganze Buch von diesem Guten durchdrungen ist, wenn es ein bisschen an einen Traum erinnert.“
Scheint Ihnen nicht auch, dass diese Worte ebenso gut über das „Pappherz“ gesagt sein könnten? Blättern Sie auf Seite 3 zurück, wo die windschiefen Häuser im Regen stehen und der Kater unter dem Regenschirm über die Dächer spaziert. Man sieht auf den ersten Blick, dass das ein Märchen ist. Denn diese Häuser lassen sich nicht richtig fassen, sind irgendwie gerade und schwankend zugleich. Und auch die Farben sind  flüchtig, als solle der Raum nicht gezeigt, sondern nur angedeutet werden. Aber wenn man sich Zeit nimmt, sieht man mit Sicherheit alles Wesentliche. Dann erblickt man auf Seite 8  plötzlich das freundliche Lächeln der Hölzernen Kiste. Und auf Seite 19 kommt jedem Gast dieses Märchens, ob er nun Kind oder Erwachsener ist, dieses traurige plumpe Pappwesen seltsam bekannt vor, das sich zwischen alten Büchern eingerichtet hat. Denn ein jeder von uns wird sich erinnern, sich auch selbst schon einmal so gefühlt zu haben.
Von der wunderbaren Dichterin Junna Moriz gibt es ein lustiges Gedicht über den Künstler Pivovarov, in dem sie ihm die folgenden Worte in den Mund legt:  

Wenn ich ein Kind wär,
stünd‚ ich früh morgens auf
und malt‘ nur bunte Bildchen
auf Bonbonpapier drauf.

Aber das ist natürlich nicht wirklich die Wahrheit. Denn Pivovarov war immer überaus produktiv. Von ihm stammen nicht nur die wunderbaren Illustrationen zu Andersens Märchen, er hat auch mit großem Einfühlungsvermögen die Kinderbücher von Antonij Pogorelskij, Witeslaw Neswal, Owsej Dris, Boris Zachoder, Genrich Sapgir, Roman Sef  und natürlich seiner Ehefrau Irina Pivovarova illustriert.
Und natürlich würde man auch gern hören, was die Kuratoren und Besucher der drei großen Einzelausstellungen zu diesem Scherz zu sagen hätten, die 2004, 2007 und 2011 in der Tretjakow-Galerie und im Museum für Moderne Kunst stattfanden. Für diese ernsthaften Leute ist Pivovarov nicht Kinderbuchillustrator, sondern einer der bedeutendsten russischen Künstler unserer Zeit, Mitbegründer des Moskauer Konzeptualismus und herausragender Vertreter der inoffiziellen sowjetischen Kunst.
Und das ist sicherlich mehr als berechtigt. Aber ein jeder, der in seiner Kindheit wenigstens für eine Minute diesen seltsamen kleinen Mann aus durchnässtem Karton gesehen hat, muss anerkennen, dass es auch hier schon um die Last und den Zauber unserer Welt ging.
 

Pappherz